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Schädel der St. Galler Klostergründer tauchen aus der Vergangenheit auf

Bericht in der NZZ 19. November 2018. Text: Jörg Krummenacher. Bild: Peter Grüschow/silvatur 

Im Jahr 612 liess sich Gallus dort nieder, wo heute die Stadt St. Gallen steht. Gut hundert Jahre später gründete Otmar das Kloster. Nun sind Reliquien mit den Schädeln der beiden Heiligen wieder ans Licht gekommen. Sie befinden sich im Prager Veitsdom.

Die Schädelteile der Heiligen Gallus und Otmar bei der Visite im Prager Veitsdom.
Die Schädelteile der Heiligen Gallus und Otmar bei der Visite im Prager Veitsdom.

Die Schädelteile der Heiligen Gallus und Otmar bei der Visite im Prager Veitsdom.

Sonnenstrahlen fallen durch die farbige Rosette und tauchen das Hauptschiff des Prager Veitsdoms in erhabenes Licht. Es ist Samstag, der 6. Oktober 2018, als eine kleine Besuchergruppe, mehrheitlich aus der Ostschweiz, sich langsam in Richtung eines Seitenaltars bewegt. Zwei Kirchendiener begleiten sie, sonst ist die Gruppe allein in der abgeschlossenen, mächtigen Kirche. Auf dem barocken Altar brennen vier Kerzen und beleuchten zwei Reliquien, die extra hierhergestellt worden sind. Es sind die originalen Schädelteile der beiden Heiligen Gallus und Otmar. Die Besucherschar steht ergriffen vor ihnen – eine stille Minute. «Die sakrale Stimmung erfasste jeden aus der Gruppe», so erinnert sich Georg von Graefe, der den Besuch in die Wege geleitet hat. Es ist das erste Mal seit dem Jahr 1810, dass Schweizer Augen die Schädel der Stadt- und Klostergründer St. Gallens wieder zu Gesicht bekommen.

Handel mit Knochen

Als «mystisch und fast filmreif» beschreibt der in Zürich wohnende von Graefe, der Natur- und Kulturreisen veranstaltet, den Besuch im Veitsdom. Dank persönlichen Kontakten ist ihm über mehrere Ecken gelungen, was offizielle Stellen seit über zweihundert Jahren vergeblich versuchten. «Ein glücklicher Zufall», sagt er. Die beiden Reliquien blieben zuvor unsichtbar versperrt in einem nicht zugänglichen Schrein einer Seitenkappelle.

Am 16. November haben Katholiken wie jedes Jahr den Otmar-Tag gefeiert. Das Andenken an den Heiligen, der 719 am Ort der Zelle des irischen Mönchs Gallus ein Kloster gründete, wird weit über St. Gallen hinaus gepflegt. Wunder werden ihm zugeschrieben: Als nach Otmars Tod dessen Leichnam auf einem Schiff über den Bodensee transportiert wurde, blieb das als Wegzehrung mitgeführte Weinfässchen stets gefüllt, soviel die Besatzung auch immer daraus trank. Und trotz einem Sturm verlöschten die Kerzen zu Füssen und am Kopf Otmars nicht.

Für den St. Galler Alt-Stiftsarchivar Lorenz Hollenstein hat das Auftauchen der Otmar- und Gallus-Reliquien jetzt ebenfalls etwas Wundersames. Er hat die Geschichte der Reliquien von Otmar und Gallus aufgearbeitet. Bereits im Mittelalter, überliefert ist das Jahr 1353, waren sie aus dem Kloster St. Gallen entfernt worden. Damals, so erzählt Hollenstein, habe «eine unendliche Gier nach Reliquien» geherrscht. Es sei üblich gewesen, als heilig betrachtete Knochen von Körpern abzutrennen und damit Handel zu treiben.

Fanatischer Reliquiensammler

Dass das Haupt des heiligen Otmar fehlte, wurden die St. Galler Mönche erst zwei Jahrhunderte später gewahr, als sie im Zug der Reformationswirren im 16. Jahrhundert dessen Gebeine aus dem Grab nehmen und vorübergehend im Kloster Einsiedeln in Sicherheit bringen wollten.

Für den Verlust des Otmar- und auch des Gallus-Schädels war Karl IV. verantwortlich, der ab 1346 König von Böhmen war und 1355 römisch-deutscher Kaiser wurde. Er war fromm und ein fanatischer Reliquiensammler. Im Herbst 1353 bereiste er den Bodenseeraum bis nach Zürich und machte auch im Kloster St. Gallen halt, wo er die Gräber von Gallus und Otmar öffnen liess. Erst nahm er die obere Hälfte des Gallus-Schädels und zwei Knochen heraus, dann verlangte er von den Mönchen, Otmars Haupt abzusägen und ihm samt einer Rippe zu übergeben. Als Gegenwert verschaffte er der Abtei St. Gallen Privilegien. Karl IV. liess die Reliquien in die von ihm erbaute Burg Karlstein 22 Kilometer südwestlich von Prag bringen, wo er eine Reliquiensammlung aufbewahrte.

Drei Jahrhunderte später, 1645, wurden das Otmar-Haupt und Teile der Gallus-Reliquien in den Veitsdom in Prag gebracht, wo man sie in der Wenzelskapelle in einen Reliquienschrank einschloss. Dort blieben sie bis heute – abgesehen von einem kleinen Umzug in die Sächsische Kapelle.

Kuss auf Otmars Haupt

St. Gallen versuchte mehrmals, wieder an die Reliquien heranzukommen. 1712 sprach Abt Joseph von Rudolphi in Prag vor. Er blitzte mit der Begründung ab, Karl IV. habe die Reliquien rechtmässig erworben und in Prag werde das Otmar-Fest gross gefeiert. 1810 besuchte Pankraz Vorster, der letzte Fürstabt, Prag; nach Auflösung des St. Galler Klosters 1805 hatte er Zeit für ausgedehnte Reisen. Auf sein Begehren, die Reliquien zu sehen, erhielt er zunächst eine Absage: Das gehe nicht, man müsse sie mühsam aus dem Altar ausbauen. Im zweiten Anlauf kam er doch noch zum Ziel. «Hatte ich das unschätzbare Glück und die grosse Freude», schrieb er in sein Tagebuch, «das Haupt des heil Vaters Othmari zu sehen und zu küssen.»

Ein letzter Versuch wenige Jahre danach, unter Vermittlung von Pankraz die Otmar-Reliquie zurückzukaufen, blieb erfolglos. Pankraz legte das Ansinnen einem Prager Benediktiner-Professor vor und wandte sich um Einflussnahme an den Kaiser in Wien. Der Bescheid lautete, das Otmar-Haupt sei nun Eigentum des Königreichs Böhmen und niemand, selbst der Monarch nicht, könne es jemand anderem überlassen.

Bischof unterstützt Rückführung

Heute stellt sich für St. Gallen dieselbe Frage. Im kommenden Jahr feiern Bistum und Kanton die 1300-Jahr-Feier der Klostergründung durch Otmar. In einem neuen Ausstellungssaal, dessen Eröffnung für den 13. April 2019 vorgesehen ist, wird erstmals der berühmte St. Galler Klosterplan im Original zu sehen sein, die früheste Darstellung eines Klosterbezirks aus dem Mittelalter.

Aus diesem Anlass stellen sich St. Gallens Bischof Markus und der frühere Regierungsrat Martin Gehrer, der den Administrationsrat des Katholischen Konfessionsteils präsidiert, hinter eine Überführung der Reliquien nach St. Gallen – jedenfalls für die Zeit des Otmar-Gedenkens. «Wir hätten grosse Freude, wenn das Otmar-Haupt 2019 nach St. Gallen käme», sagt Martin Gehrer. Wichtig sei, dass die so bedeutsamen Reliquien «an einem passenden sakralen Ort und im Sinn eines religiösen, nicht musealen Ereignisses ausgestellt werden». Infrage kommen im Weltkulturerbe des St. Galler Klosterbezirks beispielsweise die Herz-Jesu-Kapelle oder – selbstredend – die Otmar-Krypta.

Text: Jörg Krummenacher. Bild: Peter Grüschow/silvatur

 

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